Entsetzen über Stuttgart 21


Ich bin immer noch geschockt! Seit gestern Mittag erfahre ich, wie mit friedlichen Demonstranten umgegangen wird, wenn sie im Wege stehen. Ich sehe einen Mann, der sein Augenlicht verloren hat, ich sehe Kinder mit gebrochenen Nasen, ich sehe ältere Menschen, die völlig geschockt ob der Gewalt sind. Ich lese und sehe, wie dieses Projekt gerechtfertigt wird. Eine angemeldete und genehmigte Schülerdemonstration wird von der Politik und der Polizei als menschliches Schutzschild kritisiert. Anfangs werden bewusst (?) Falschmeldungen veröffentlicht, womit die Härte entschuldigt wird. Steine werfende Demonstranten? Gewaltbereite Demonstranten? Vielleicht sahen diese Menschen, die das behaupteten, alte Bilder oder Filme aus anderen Orten und zu anderen Zeiten? Entschuldigt wurde diese Falschmeldung nicht. Aber zur besten Fernsehzeit gesendet hat sicherlich viele Menschen beruhigt. Denn wenn die Demonstranten angreifen muss dich die Polizei wehren. Also alles in Ordnung! Oder?

Es ist erstaunlich, wie manche Projekte gegen alle Argumente und (berechtigte) Kritik durchgedrückt wird. Denn anders kann das Vorgehen nicht bezeichnet werden. Seit dem das Projekt Stuttgart 21 vor über zehn Jahren vorgestellt wurde, gibt es Kritik. Aber diese Kritik ist nicht einfach eine Meinung gegen den Bahnhof, sondern es ist eine Kritik an den Gutachten, an den Kostenberechnungen und an der Art des Zustandekommens. Von Anfang an, gab es bei diesem Projekt undurchsichtige Machenschaften, die immer nur ansatzweise aufgedeckt werden können.Von Anfang an wurde über Gefälligkeiten Gutachten erstellt oder aber es saßen immer dieselben Person bei den Entscheidungen. Von Anfang an, wurde in einer Fernsehreportage gezeigt, wie bestimmte Menschen über Beteiligungen an verschiedenen Firmen sich selber das Projekt genehmigten. Von Anfang an haben die Befürworter erklärt, sie hätten Fehler begangen, aber würden alles Geradebiegen. Aber liegt nicht genau da der Fehler? Haben Sie schon mal versucht ein verbogenes Stück Metall geradezubiegen? Genauso wenig funktioniert es mit den Gutachten und den Genehmigungen.

Die Politik sieht sich im Recht, schließlich hätte der Bürger sie gewählt. Nur leider kann in unserer Politik (noch) nicht einzelne Projekte und Vorhaben gewählt werden, sondern man wählt eine Partei bei der man selten zu 100% alles abnickt. Es wird die Partei gewählt, die die wenigsten Fehler hat. Es geht mittlerweile nur noch darum das bessere Übel zu wählen. Anschließend spielen sich viele Politiker auf, als hätten sie einen Freibrief. Wie gerade jetzt geschehen in Stuttgart. Rech fühlt sich im Recht, immerhin wurde er mit seiner Partei gewählt. Vielleicht sollten einige Politiker nicht nur sehen, dass sie gewählt wurden, sondern auch, dass immer weniger zur Wahl gehen, weil es keine Wahl mehr gibt. Unter lauter Schlechten zu wählen ist eine schlechte Wahl. Die Politik sollte den Wähler ernst nehmen und ihn nicht niederprügeln. Oder soll das Gebahren in Stuttgart die Wahlbeteiligung heben?

Aber was beschwere ich mich. Es ist doch schön, wenn endlich mal wieder durchgegriffen wird und mir als mündiger Bürger gesagt wird, was ich darf und was nicht. Wenn also kritisiert wird, dass Jugendliche nicht demonstrieren dürfen/sollten und die älteren Herrschaften auch nicht, okay, endlich mal eine Ansage. Jetzt weiß ich, was ich tun darf und was nicht. Genau das hat bei uns gefehlt. Einer, der sagt, wo es lang geht und mir auch sagt, wie ich zu gehen habe. Oder hatten wir das schon mal? Es wird kritisiert, dass Jugendliche teilnahmen und diese wohl auch nach vorne durchgeschoben wurden. Okay, bei jeder Veranstaltung wird der kleinste nach vorne geschoben, damit er sehen kann. Es konnte nicht davon ausgegangen werden, dass diese Gewalt angewandt wird. Außer der Polizei natürlich. Hätte sie von Anfang an ihr Vorgehen transparent gemacht, wäre vielleicht alles anders geworden. Sie hätten ja sagen können, wir schlagen auf alles ein was uns im Wege steht. Dann hätten in der ersten Reihe sicherlich nicht die Jugendlichen und die Alten gestanden. Sondern dann hätten sich dort andere postiert.

Wenn ich sehe, wie in Baden-Württemberg auf friedliche Demonstranten eingeschlagen wurde, dann muss ich mich zwangsläufig daran erinnern, dass das das erste Bundesland war, in der die NPD in die Landesregierung gewählt wurde. Zufall? Was sind das für Polizisten, die dort auf friedliche Demonstranten einschlugen? Die alte Frauen und Männer verprügelten? Die Jugendliche mit Pfeffergas beschossen? Die Deeskalations-Truppe hätte vielleicht nicht auf die Demonstranten, sondern auf die eigene Polizisten eingehen sollen.

Was bleibt ist eine Ohnmacht gegenüber der Politik, die ich schon länger nicht mehr verstehe. Aber diese Ohnmacht zermürbt und ich frage mich, wie ich damit umgehen soll. Der Staat macht derzeit was er will und kümmert sich nicht wirklich um seine Bürger. Ich frage mich, wie lange das noch gut geht. Wie lange lassen wir uns das gefallen? Jeder Mensch ist leidensfähig, aber irgendwann ist ein Tropfen genug. Wann wird das sein? Welcher Tropfen? Es wird gespart, um die Verfehlungen der Politik und der Großkonzerne auszugleichen. Die Schulden der Bank zahlt der Bürger. Der Bürger wird überall zur Kasse gebeten. Ist es dann der richtige Zeitpunkt für ein Projekt Stuttgart 21 mit jetzt geplanten 4 Milliarden und geschätzten 18 Milliarden Euro? Ist das das richtige Zeichen an die Bürger? Aber das passt ins Bild. Eine Atomausstiegsvereinbarung wird gekippt, weil angeblich kein Geld da wäre und leider dann auch noch als Sensation verkauft. Auch hier wird wieder für Zündstoff gesorgt, denn Gorleben soll doch weiterleben.

Wann ist es genug?

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